Die Gewänder

„Kleider machen Leute“ – Die Reformationszeit im Spiegel der Mode

 Die Mode der Renaissance-Zeit kann einen Blick in das Leben und Lebensgefühl der Menschen eröffnen, die sie getragen haben. Die Gewänder dieser Zeit empfinden viele als optischen Genuss: prall, kreativ, abwechslungsreich, sinnenfreudig und lebenslustig; weibliche und männ­liche Reize werden betont – und all das in einer Atmosphäre, in der das Wissen um die Endlichkeit des Seins stets präsent war.

 Die Vielfalt der Kleidung bot den Herren und Damen, die es sich leisten konnten, einen weiten Spielraum, die eigene Individualität auszudrücken; sie verdeut­licht allerdings auch, wie stark sich die gehobene Schicht vom Volk abhob, für das nur schlichte, meist aus Wolle gewebte Gewänder erschwinglich waren.

 Alle Kleidungsstücke im 16. Jahrhundert waren natürlich Handarbeit. Die Mode war auch schon zur Zeit Luthers einem gewissen Wandel unter­worfen, damals maßgeblich beeinflusst von Frankreich und Italien, woher auch die meisten Stoffe kamen: Damast, Satin, Seide und Samt.

Je höher stehend eine Dame war, desto reicher verziert und bestickt war ihr Gewand. Dasselbe galt auch für die Herrengewänder. Oftmals waren sowohl Herren- als auch Damengewänder mit Goldfäden überreich bestickt, ebenso mit Perlen, Goldpailletten, Edelsteinen und dergleichen verziert.

 Die bürgerlichen Gewänder der Frauen waren mit einer tief liegenden Taille ausgestattet und bestanden in der Regel aus zwei Teilen: Rock und Oberteil. Die Korsagen, die den Kleidern den charakteristischen Halt gaben, waren in die Kleider eingenäht und bestanden z.B. aus Fischbein (meist Walfischknochen). Ein einziges Gewand mit allen Raffinessen konnte aus mehreren hundert Einzelteilen bestehen, die höchst akkurat von Hand an­einandergefügt waren. Vor allem für die Herren gab es zu jener Zeit Stoffe, die mit eigenen Mustermaschinen nach dem Weben wieder zerschnitten wurden, um eine besondere Wirkung zu erzielen: Der Stoff schillert je nach Betrachtungsblickwinkel, wirkt füllig und lässt – an manchen Stellen besonders erwünscht – den edlen Stoff des Untergewandes (Leinen oder Seide) durchscheinen. Geistliche Herren trugen übrigens lange oder kürzere, weit fallende Gewänder, meist mehrere Lagen übereinander.

Auch die Damen ließen gerne ihre Untergewänder sehen, z.B. an besonderen Aussparungen an den Ärmeln oder am Rand des Dekolletés. Solche Kleidungs­stücke konnten freilich kaum ohne Hilfe angezogen werden: Die Korsage musste geschnürt werden, die Haken und Ösen oder Bänder, mit denen die Ver­schlüsse versehen waren, konnte sich am Rücken nie­mand selbst schließen – da musste schon eine Zofe zur Hand gehen.

 

Anhand der Bildquellen aus der Renaissance-Zeit ergibt sich der Befund, dass der Stil der Deut­schen kaum weniger elegant war als der der Fran­zosen, Engländer und Italiener, sich also nur unwesentlich davon unterschied. Vor allem durch Grabfunde in England sind wir über die genauere Machart der damaligen Gewänder gut unterrichtet.

Auch Katharina von Bora, immer­hin ein Edelfräulein, hat natürlich die Mode ihrer Zeit erlebt und – vor und nach ihrem Leben im Kloster – sicherlich auch getragen. Ihre Gewänder werden wohl nicht mit prunkvollem Zierrat versehen gewesen sein, das wäre im lutherschen Haushalt sowie im Haushalt ihrer Jugendzeit „von der Saale und von Bora“ (so der voll­ständige Name ihres Vaters) eher unschicklich gewesen, aber die Formen und Stoffe, die sie trug, waren natürlich die ihrer Zeit.